Seit über 20 Jahren arbeitet die Origenis GmbH daran, die Wirkstoffforschung zu modernisieren. Das Unternehmen verfügt nicht nur über eine integrierte Technologieplattform für die Identifizierung und Analyse innovativer Targets, sondern auch über eine Reihe von Entwicklungskandidaten in herausfordernden Indikationen mit hohem medizinischem Bedarf. Ein Gespräch mit CEO & CSO Dr. Michael Thormann über kleine Moleküle, die Trennung von Technologie- und klinischer Entwicklung und die Suche nach unerforschten chemischen Räumen.
Herr Dr. Thormann, Sie sind neben Michael Almstetter und Dr. Andreas Treml einer der Gründer der Origenis GmbH. Wie kam es 2005 zu dem Buyout aus der Morphochem AG und was war die Gründungsidee der Origenis?
Das Marktumfeld im Jahr 2005 war schwierig, und die Morphochem hat es damals trotz sehr guter Kapitalisierung nicht geschafft, das Börsenfenster mitzunehmen. Sie ist dann in eine monetär enge Situation gekommen und es war schlichtweg nicht mehr genug Geld da, um sowohl die Technologieplattform, die wir drei Gründer zusammen innerhalb der Morphochem entwickelt hatten, als auch die Wirkstoffkandidaten parallel weiterzuentwickeln.
Wir haben uns daher entschieden, unsere Technologieplattform mit sechs Mitarbeitern aus unserem Drug Discovery-Team eigenständig weiterzuentwickeln. Dabei hat uns geholfen, dass wir schon zwei Kollaborationen hatten, mit der Probiodrug (heute Vivoryon) im zentralnervösen Bereich und der Alcon in der Augenheilkunde. Beide Firmen haben das Potenzial unserer Technologie gesehen und gesagt: Wir zahlen euch weiter. Das heißt, am ersten Tag der Origenis hatten wir Geld auf dem Konto und zwei Verträge. Das ist so nicht replizierbar, da gab es viel Vertrauen von Seiten unserer Geschäftspartner.
Heute haben Sie eine integrierte Technologieplattform für die Identifizierung und Analyse von neuen Wirkstoffen gegen innovative Targets. Wie sind Sie dort hingekommen?
Wir waren konfrontiert mit einem Problem, für das es de facto keine Lösung gab. Man kann so viele unterschiedliche kleine Moleküle machen, von denen könnte es etwa 1060 unterschiedliche Substanzen geben. Ressourcenbedingt sind wir aber immer darauf angewiesen, die Richtigen zu machen. Aber woher wissen wir, welche das sind?
Wir haben uns angeschaut, was wir an chemischen Ausgangsstoffen im Schrank haben und überlegt, was wir damit synthetisieren könnten. Das nächste Problem war, das digital abzubilden und in diesen chemischen Räumen auch suchen zu können. Eine Dezillion ist wirklich eine große Zahl, da kann man nicht alle möglichen Substanzen durchrechnen, egal wie schnell Ihre Computer sind. Wir haben daher mathematische Methoden entwickelt, um in diesen riesigen Räumen schnell zu guten Lösungen zu kommen, diese dann im Labor umzusetzen und zu testen – und das Ergebnis dann wieder zurückzuführen in den Computer, damit er lernt, was nicht geht und beim nächsten Mal bessere Vorschläge macht. Wir haben also virtuelle Chemiker, Biologen und Pharmakologen gebaut. Damit konnten wir neue Substanzen designen, diese am Computer voroptimieren und sehr effizient die Ressourcen im Labor nutzen.
Wie ging es dann weiter?
Natürlich wollen wir unsere Substanzen auch patentieren. Aber woher wissen wir denn, dass es die noch nicht gibt? Auch wenn der chemische Raum grundsätzlich sehr groß ist, kommen medizinalchemische und AI-Standardverfahren oft auf sehr ähnliche Lösungen, was zu IP Kollision führt. Jemand publiziert etwas Interessantes und dann sagen die anderen, ich probiere das auch mal aus, dann habe ich weniger Risiko, aber auch weniger Innovation. Vielleicht finde ich doch noch einen kleinen Bereich, der patentierbar ist, doch der Handlungsspielraum für die Optimierung wird von vornherein stark eingeschränkt. Wir hingegen haben gesagt: Vielleicht gibt ganz neue Substanzklassen, große unerforschte chemische Räume. Aber um das zu wissen, muss man alles lesen. Es heißt immer, wir sind im Informationszeitalter, aber in Wirklichkeit ist der allergrößte Teil der Informationen irgendwo versteckt. Jemand hat ein großes Schloss davor gemacht und hält die Hand auf und will einen Haufen Geld dafür haben und bietet Steinzeitalter-Methoden für die Suche und Analyse. Echte Informationsquellen zu finden, die man sich als kleine Firma leisten kann, ist eine Herausforderung.
Was wir aber kriegen können, sind Patentdokumente, da sprechen wir für Chemie und Pharmazie von weltweit über 23 Mio. Dokumenten. Um daraus chemische und nichtchemische Informationen ziehen zu können, brauchen wir Technologien. Die haben wir entwickelt und uns in einem nächsten Schritt die molekularen Targets angeschaut. Und damit hatten wir auf einmal eine Matrix aufgestellt zwischen Substanzen, zwischen Enzymen oder Rezeptoren, den Krankheiten und den Firmen, die darauf arbeiten.
Für diese Abstraktion des Wissens aus Patenten und die Verwendung dieses Wissens, um uns selbst zu positionieren, haben wir das Produkt Cippix® entwickelt. Damit gleichen wir das, was wir innovativ machen, proaktiv mit dem ab, was wöchentlich im Patentraum passiert. Cippix® kann uns dann sagen: Vorsicht hier eckt ihr an einer IP an.

